.
„Christian Rätsch zeigt beim Frühjahrssalon 2011 eine für diese Ausstellung entworfene Rauminstallation. Rhythmisch gegliedert sind Buchbindeleinen, Stahlseil, Aluminiumrohr, sowie Haken und Ösen. Sie stellen den rein physischen Elemente-Baukasten dar. Das Erlebnis jedoch orientiert sich am Umschreiten einer Skulptur, an Faltungen im Raum und an der Fragestellung nach der Realisierbarkeit von Leichtigkeit und Tanz. Tanz im Sinne einer abstrakten Bewegung, die dieser Arbeit innewohnt. Christian Rätsch schafft Geometrie in der Luftigkeit des Raumes. Die Möglichkeit, Linien und Blickachsen zu verfolgen entspricht hier dem Lesen von abstrakter Kunst.“
.
„Christian Rätsch shows an installation, originally designed just for this exhibition space at the „Spring Salon 2011“ at gallery „ZANDERKASTEN“. Rhythmically divided are - bookbinding lines, steel wire, aluminum pipes and hooks and eyelets. These materials show a toolkit of the purely physical elements. The experience, however, is based on walking around a sculpture of folds in space and on the question regarding the possibility of representing lightness and dance. Dance in the sense of an abstract movement that is inherent in this artwork. Christian Rätsch creates geometry in the airiness of the room. The possibility to follow lines and viewing-lines of sight is corresponding to the way of reading abstract artworks.“
.
.
.
Christian Rätsch belongs to the young generation of artists in German contemporary art scene. He is one of the artists who have a very rich and significant heritage of post modern art production since the 80’s and could make
outstanding contributions to the developments of this artistic production with their works.
He examines and deals with the space and the presence of human production within this space in consideration of
the paradoxes of neocapitalism and globalisation. Christian Rätsch who prefers using industrial and everyday materials in his works, builds a sort of „witnessing“ relationship with the space. His works wanders around the concepts such
as “architecture”, “design”, „public space-private space“,“ memory“, „art practice“ and “consumption culture”. In these interdisciplinary abstract works the
personal and the impersonal, or reality and fiction deceive one another. From these works a world is reflected which is
familiar but also alien, personal but universal as well. Through the abstract and geometrical presence of his works in
the space he asks new questions about the daily life, about the tension between the intimate space and the public
space. He seeks to display the irony of daily life and its relation to the work of art.
Beral Madra
art critic and curator
director of BM Contemporary Art Center since 1984
.
.
.
.
„Bedrohlich spiegelt sich das Blitzlicht in den aufgerissenen Augen des auf uns zu stürmenden Hundes wider. Das Maul steht halb offen, die unteren Eckzähne nähern sich dem Betrachter bedenklich, der Körper des Tieres in erregter, vorwärts drängender Pose. Erst auf den zweiten Blick können wir aufatmen. Ein kleiner blauer Ball zur Linken des Hundes löst die Situation – ein Spiel. Kein Angriff.
Geschickt arbeitet Christian Rätsch in seinen Porträts mit Details, die sich und den Wert der Aufnahme erst beim genaueren Hinsehen zu erkennen geben. Seine Porträtfotografien sind alles andere als klassisch, Nur selten scheint die abgebildete Person im Zentrum der Aussage zu stehen. Vielmehr werden in den gezeigten Werken Ursprünge, Wendepunkte und Brüche im Leben des Künstlers thematisiert.
Der spielende Hund ist eben nicht nur dieses, sondern steht für eine Zeit großer privater Umwälzungen. Wie das Tier, das seinem überschäumenden Bewegungsdrang im nächsten Moment wohl mit einem kräftigen Bellen Tribut zollen muss, so merkte auch Rätsch im Jahr der Aufnahme die zunehmende Engstirnigkeit und Intoleranz seiner Heimat hinsichtlich seines Andersseins in den Augen seiner kleinstädtischen Mitmenschen.
Die Lampe ist eben nicht nur eine urbane Landschaftsaufnahme, sondern Symbol für die Tristesse und Kälte einer norddeutschen Provinzstadt, der zu entfliehen oberstes Ziel gewesen war. Eine Erinnerung, ein festgehaltener Moment, ein Porträt einer Zeit, in der nur der unbedingte Wille zur Kunst das Weitermachen ermöglichte.
Wenn Rätsch Menschen ablichtet, sehen wir Träumer, Romantiker, Verlorene und Liebende in jeder Hinsicht. Wir sehen Freunde, Geliebte und Vergangene. Die erste große Liebe ist ebenso anwesend wie der erste große Schmerz.
Bei aller Nähe zu den Porträtierten wirken sie dennoch merkwürdig entrückt. Beinahe übersieht man Martin auf der Aufnahme von 2009. Starr lenkt die geometrische Konstruktion aus Sitzlehne, Gepäckablage und Lampenleiste den Blick in den Bildinnenraum. Erst dann bemerkt man die einsame und müde Person im rechten Vordergrund. Wie entfremdet steht das Gesicht gegen den Fluchtpunkt.
Ein eben solches Spiel mit statischen Formen finden wir bei den Aufnahmen von Andreas Tobias vor dem Hamburger Jenisch Haus. Entstanden in dem Jahr, als Tobias sein Engagement am Deutschen Schauspielhaus Hamburg aufnahm, zeigen sie einen unsicheren jungen Mann, der noch nicht ahnt, dass er in wenigen Jahren fester Bestandteil der Theaterlandschaft sein wird. Ergreifende Dissonanz prägt das Bild von dem zusammengesunkenen Jungschauspieler vor den majestätischen Säulen des klassizistischen Baus im Hintergrund. Es sind Erinnerungen an eine Zeit, in der noch Zweifel und Zermürbung dominierten – auch im Leben des Künstlers.
Gemeinsam haben die Porträtierten alle eines: Sie wurden eingefangen in einem Moment der Innerlichkeit. Oft meint man Ängste, Unsicherheiten, Enttäuschungen und Rückschläge aus ihren Gesichtern lesen zu können – das mag auch so sein. Und dennoch zeigt Rätsch keine gebrochenen Menschen, sondern im Gegenteil starke und freie Persönlichkeiten, die bereit sind, es mit jeder Widrigkeit des Lebens aufzunehmen. Da ist Nadine; ihr Lächeln wirkt schwer, die Augen scheinen müde und doch lehnt sie lässig am Geländer auf dem Bahnsteig, die Hände lässig in den Taschen vergraben, bereit, den nächsten Zug zu nehmen und neu anzufangen.
Und dazwischen immer wieder heitere Momente. Wir können nur hoffen, dass Mutter Rätsch das Chaos in ihrem Hintergrund wirklich nicht sehen kann. Auch wenn wir das eigentliche Selbstporträt an anderer Stelle finden, so sehen wir hier in Wahrheit doch ein viel Authentischeres. Chucks, Bionadeflasche, Buch und dreckiger Fußboden zeichnen im Kopf ein deutliches Bild von Lebensweise, Musikgeschmack und Ordnungssinn des Künstlers. Zugleich erinnert die Aufnahme auch an das Lebensgefühl einer ganzen Generation, in einem bestimmten Jahr; das Jahr des großen Britrock-Comebacks in die Jugendkultur.
Neben Menschen, Ereignissen und Lebensabschnitten präsentieren Christian Rätschs Fotografien aber auch seine eigene berufliche Entwicklung, sind quasi Porträts des reifenden Künstlers in ihm. Angefangen bei der ältesten Arbeit Ostern, die noch sehr schnappschusshaft und ungeplant wirkt, nur vage ein Spiel mit Linien und Formen andeutet, hin zu den aktuelleren Arbeiten aus Dresden. Schon sehr deutlich zeichnet sich bei Toast der Umgang mit Geometrie, Farbe und Fläche in Verbindung mit persönlichen Gegenständen ab, der heute Rätschs Werk dominiert. Die Geschichten sind versteckter, zu Geheimnissen von Geheimnissen geworden.
Achtlos hingeworfen wirken die weißen Brotscheiben auf grauem Asphalt nur bei flüchtiger Betrachtung. Die Figuren korrespondieren, sie antworten, bilden Grppen.Zugleich sind sie weggeworfene Nahrung, billiges verschmähtes Weißbrot – was kann sich ein Kunststudent auch sonst leisten? Sollen sie uns mahnen? Sind sie die viel zitierte, gelebte Spätrömische Dekadenz? Oder ist es das Bekenntnis eines Künstlers, der sein Leben der Kunst verschrieben hat?
Die Intentionen werden vielschichtiger, soviel bleibt festzuhalten.
Wer sich auf die vorliegenden Arbeiten einlässt, entdeckt nicht nur einen künstlerischen Reifeprozess, er bekommt eine wundervolle Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die wir alle erlebt haben. Es ist eine melancholische, manchmal auch sentimentale Geschichte, die doch immer ein gutes Ende nimmt. Es ist die Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Verlassen der Heimat, von Selbstzweifeln, von Zukunftsängsten, von Liebe und von Schmerz aber auch von Glück, Freundschaft und Familie. Schließlich scheint eben auch in der tristesten Stadt am Ende der Welt eine Straßenlaterne hell in die Nacht und der Hund will uns nicht beißen, sondern nur spielen.
Tobias Peper, Köln den 18. Juni 2010“
To Whom It May Concern
by Beral Madra
FRÜHJAHRSSALON 2011
by ZANDERKASTEN
Vorwort zum Bildband „portraits“
(veröffentlicht 2011)
by Tobias Peper